Belastung der Feuerwehrleute geht weit über den Einsatz hinaus


 

 

Ehrenamtliche Rettungskräfte der Freiwilligen Feuerwehren sind Tag und Nacht zum Schutz ihrer Gemeinde verfügbar. Ist etwas passiert werden sie alarmiert und müssen innerhalb von Sekunden von „Alltagsmodus“ auf „Einsatzmodus“ umschalten. Arbeit, Essen, Schlaf oder Feste werden unterbrochen um anderen Menschen zu helfen, meist unter großer körperlicher- und  psychischer Belastung- oft auch über den Einsatz hinaus.

Vor wenigen Wochen war Mike Supper, Kommandant der Feuerwehr Reilingen, gerade mit Frau und Kind beim Einkaufen, als sein Funkmeldeempfänger ihn mit penetrantem Piepen zum Einsatz ruft. Auch Tochter Klara (3) weiß mittlerweile was das heißt. „Papa muss helfen“ ruft sie laut und das Schaufenster mit den bunten Lichtern wird zu Nebensache. Schnell läuft sie zum Auto und lässt sich von Mama anschnallen. Mike Supper liest inzwischen die Meldung auf dem Alarmierungsgerät „ Verkehrsunfall, PKW kontra LKW“. Sofort hat er wieder die schrecklichen Bilder eines Verkehrsunfalls aus dem Vormonat  vor Augen, und auch die Stimme des Notarztes klingt ihm in den Ohren die ihm bei der Ankunft sagte, dass die Fahrerin nicht mehr am Leben ist. Hoffentlich haben wir heute die Möglichkeit zu helfen denkt er und fährt zum Feuerwehrhaus.

Feuerwehr Seelsorger Thomas Eisermann von der Feuerwehr Hockeheim weiß was in solchen Situationen bei den Feuerwehrleuten passiert. „Es baut sich Stress auf, denn man weiß dass man helfen muss, und zwar schnell. Die Ungewissheit, dass man nicht genau weiß was auf einen zu kommt, lässt den Stress weiter ansteigen. Dass Bilder und Szenarien von vergangen Einsätzen auftauchen und ein unwohles Gefühl in der Magengrube hervorrufen ist normal, und zeigt das die Rettungskräfte noch immer in der Verarbeitung des Geschehenen sind“.

Im Feuerwehrhaus angekommen erhält Mike Supper weitere Informationen, die genaue Einsatzstelle wird  von der Leitstelle über den Funk durchgegeben  die Fahrzeuge werden besetzt und fahren los. Im Kopf kreisen die Gedanken erneut. Welcher Weg ist der schnellste? Gibt es Sperrungen auf der Strecke die umfahren werden müssen? Muss eine weitere Feuerwehr dazu alarmiert werden? „Das Abspielen dieser Fragen gibt eine gewisse Sicherheit und Stabilität auf der Anfahrt, da damit schon eine gewisse Vorbereitung auf den Einsatz getroffen wird, und an der Einsatzstelle wertvolle Zeit spart. Auch für die Mannschaft ist es wichtig, dass sie auf der Anfahrt Informationen von den Gruppenführern erhält, denn Informationen können Stress mildern“, sagt Thomas Eisermann. „Wird man am Einsatzort mit etwas konfrontiert mit dem man überhaupt nicht rechnet kann dies zu einem Trauma führen. Durch die gute Ausbildung in unseren Feuerwehren ist es nur eine geringe Zahl der Feuerwehrleute die solch ein Trauma erleiden, doch es gab durchaus schon Fälle in denen Feuerwehrfrauen- und Männer ihren Einsatzdienst nach Einsätzen mit großer psychischer Belastung aufgeben mussten, und ihr ganzes Leben völlig verdreht wurde“.

Der Stress, der sich in den Feuerwehrleuten aufgebaut hat, lässt ihre Arbeitseffizienz am Einsatzort meist ansteigen, doch Bilder, Gerüche und Erlebnisse brennen sich dabei fest in die Seele. „Diese Eindrücke lassen bei Alarmmeldungen oder beim Vorbeifahren an früheren Einsatzorten rasch wieder Erinnerungen lebendig werden“ erklärt Thomas Eisermann. „Beeinträchtigen diese Erinnerungen jedoch die Lebensqualität der Feuerwehrleute benötigen sie dauerhafte Hilfe“.

Zu einem Standarteinsatz werden Verkehrsunfälle oder schwere Brände gewiss nie, das kann Franz Sommer, Kommandant der Feuerwehr Hockenheim nur bestätigen. Seine Feuerwehr wird regelmäßig zu Unfällen auf der Autobahn oder auf den umliegenden Schnellstraßen gerufen, oft mehrmals im Monat. „Auch nach vielen Dienstjahren und einer großen Einsatzerfahrung sind solche Einsätze immer noch sehr belastend und werden nie zur Routine. Erinnerungen sind sofort wieder da und man muss dennoch einen kühlen Kopf bewahren um beim neuen Einsatz schnelle und richtige Entscheidungen treffen“.

Jeder Einsatz ist anders, wichtig ist nur dass nach dem Einsatz nicht nur die Geräte, sondern auch der Geist und die Gefühle aufgeräumt werden. „Mit den Kameraden oder den Seelsorgern über das Erlebte zu sprechen ist wichtig, denn hier beginnt bereits die Verarbeitung“. Aus eigener Erfahrung weiß der Feuerwehrseelsorger, dass sich diese Gespräche bewähren,  es aber auch lange Zeit dauert bis das Auftauchen der schlimmen Bilder abnimmt.

Nach dem Einsatz heißt es wieder Umschalten in denn „Alltagsmodus“, so wird Mike Supper beispielsweise von Tochter Klara mit der Frage: „Papa, was ist passiert? Und wie hast du geholfen“ empfangen. An diesem Tag kann er sagen: „Es war ein Unfall, aber dem Mann ist nicht viel passiert“. Genau wie Franz Sommer muss er nun noch Anrufe mit Fragen von Presse oder Polizei beantworten. Dass Stresslevel nimmt langsam ab- doch die Erinnerungen bleiben noch lange.